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Zwischen Frieden und Pflicht

Es sind Bilder, die sich einprägen: Schülerinnen und Schüler demonstrieren durch Flensburg, stehen vor dem Rathaus und verweigern den Unterricht und halten Transparente hoch, die kaum deutlicher sein könnten. „Ich lasse mich nicht missbrauchen für euren Krieg“, „Bildung statt Bomben“, „Berlin statt Front“. Es sind keine leisen Proteste, keine vorsichtigen Formulierungen. Es ist eine Generation, die laut sagt: Wir wollen nicht kämpfen. Wir wollen nicht eingezogen werden. Wir wollen nicht Teil eines Krieges sein, den andere politisch entscheiden.

Der Schulstreik gegen die Wehrpflicht ist längst kein Einzelereignis mehr. Bundesweit wächst die Bewegung. In Berlin demonstrierten am 8. Mai Tausende Schülerinnen und Schüler gegen die Wehrdienstpläne der Bundesregierung. Der Protest fiel bewusst auf ein historisches Datum: den 8. Mai, den Tag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus. Vor 81 Jahren endete an diesem Tag der Zweite Weltkrieg in Europa – und mit ihm ein verbrecherisches Regime, das Millionen Menschen das Leben kostete. Der 8. Mai ist deshalb nicht nur ein Datum des Erinnerns, sondern auch eines der unbequemen Fragen.  

Denn diese Befreiung kam nicht durch Appelle, nicht durch Resolutionen und nicht durch friedliche Symbolpolitik. Sie kam durch militärische Gewalt. Durch alliierte Armeen, durch Soldaten, durch Krieg. Das ist eine historische Wahrheit, die unbequem bleibt – gerade für ein Land, das sich aus guten Gründen dem Frieden verpflichtet fühlt.

Und genau hier beginnt die eigentliche Debatte.

Die Wehrpflicht wurde in Deutschland 1956 eingeführt – in einer jungen Bundesrepublik, geprägt vom Kalten Krieg und der Angst vor einem sowjetischen Angriff. Sie galt grundsätzlich für Männer ab Volljährigkeit. Wer nicht zur Waffe greifen wollte, konnte den Kriegsdienst verweigern und Zivildienst leisten – lange Zeit in Krankenhäusern, Altenheimen oder sozialen Einrichtungen. Die Wehrpflicht war also nie nur militärische Pflicht, sondern auch gesellschaftlicher Dienst.

2011 wurde sie nicht abgeschafft, sondern ausgesetzt. Ein entscheidender Unterschied. Juristisch existiert sie weiterhin im Grundgesetz. Sie kann durch politischen Beschluss wieder aktiviert werden. Seit dem 1. Januar 2026 gilt nun ein neues Wehrdienstgesetz: Junge Männer ab dem Jahrgang 2008 müssen verpflichtend zur Musterung erscheinen. Ziel ist zunächst, Freiwillige für den Ausbau der Bundeswehr zu gewinnen. Reicht das nicht aus, kann der Bundestag über eine allgemeine Wehrpflicht entscheiden.  

Die Bundeswehr selbst ist laut Grundgesetz eine Parlamentsarmee. Sie darf nicht eigenmächtig handeln. Auslandseinsätze brauchen parlamentarische Zustimmung. Ein sogenannter Angriffskrieg – also ein Krieg zur Eroberung oder politischen Durchsetzung – ist verfassungswidrig und verboten. Deutschland darf keinen Angriffskrieg führen.

Anders ist es beim Verteidigungsfall.

Ein Verteidigungsfall liegt dann vor, wenn Deutschland mit Waffengewalt angegriffen wird oder ein solcher Angriff unmittelbar droht. Dann stellt der Bundestag – notfalls gemeinsam mit dem Bundesrat – diesen Zustand fest. In diesem Fall hätte die Bundeswehr nicht nur das Recht, sondern die Pflicht zur militärischen Verteidigung des Landes und seiner Bündnispartner. Dann ginge es nicht um geopolitische Strategien, sondern um die schlichte Frage: Wer schützt dieses Land, wenn es angegriffen wird?

Und hier wird es persönlich.

Sind wir dazu bereit?

Nicht theoretisch. Nicht als Talkshow-Frage. Sondern wirklich?

Sind wir bereit zu akzeptieren, dass Frieden manchmal nicht dadurch bewahrt wird, dass niemand kämpft, sondern dadurch, dass jemand es tut? Wären wir selbst bereit, unsere Freiheit, unsere Demokratie und unsere offene Gesellschaft auch militärisch zu verteidigen?

Oder hoffen wir insgeheim, dass es immer die anderen sind?

Diese Fragen sind unerquicklich. Deshalb werden sie oft vermieden. Doch vielleicht ist genau das der Fehler. Vielleicht müssten wir viel ehrlicher darüber sprechen – nicht erst, wenn der Ernstfall da ist.

Der Schulstreik zeigt aber noch etwas anderes: Er ist längst nicht nur Protest gegen Wehrpflicht, sondern auch Ausdruck einer tieferen politischen Ablehnung.

„Merz leck Eier“ – ein Satz, der inzwischen auf Demonstrationen, Stickern und sogar an Parteibüros auftaucht. Gemeint ist Bundeskanzler Friedrich Merz. Was zunächst wie eine provokante Randnotiz wirkt, ist längst zu einem politischen Meme geworden. In Berlin wurde einem 18-jährigen Demonstranten ein entsprechendes Plakat sogar von der Polizei abgenommen; es wurde wegen des Verdachts der Verleumdung ermittelt. Auch in Gießen und Jena tauchte der Slogan bei Demonstrationen und Schmierereien auf.  

Man kann diese Wortwahl geschmacklos finden. Man kann sie ablehnen. Aber man sollte sie politisch lesen: Sie ist Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber einer Regierung, die für viele junge Menschen eher Aufrüstung als Zukunft verspricht.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Kern dieser Proteste.

Es geht nicht nur um Wehrpflicht. Es geht um das Gefühl, dass junge Menschen wieder diejenigen sein sollen, die die Folgen politischer Entscheidungen tragen – sei es an der Front, auf dem Wohnungsmarkt oder in einem Bildungssystem, das seit Jahren auf Verschleiß fährt.

Der Ruf „Ich lasse mich nicht missbrauchen“ ist deshalb mehr als Antikriegsrhetorik. Er ist ein Satz über politische Entfremdung.

Und vielleicht sollten wir ihn ernster nehmen.

(Lange-Jansen, Fotos: Sven Geißler)