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Wir sind gemeinnützig – und brauchen Sie

Interview mit Simone Lange-Jansen | Von Tetiana Pus

In einer Zeit, in der Redaktionen schließen, Verlage aufgekauft werden und Algorithmen entscheiden, welche Nachricht Sie zu sehen bekommen, hat der Wirklich Verlag eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen: Kein Gewinn mehr als Ziel. Stattdessen Gemeinnützigkeit – und damit die klare Verpflichtung, dem Gemeinwohl zu dienen. Was das bedeutet, warum es mutig ist und warum es ohne Sie nicht funktioniert, erklärt Geschäftsführerin Simone Lange-Jansen im Gespräch.

Simone, Dein Verlag ist jetzt gemeinnützig. Was hat Dich dazu bewogen – und was ändert sich konkret?

Wir machen Journalismus nicht, um Geld zu verdienen. Wir machen ihn, weil Meinungsvielfalt die Grundlage jeder Demokratie ist. Diese Haltung wollte ich auch rechtlich verankern. Nach monatelangem Abstimmungsprozess ist es gelungen: Wir sind jetzt als gemeinnützig anerkannt.

Konkret bedeutet das: Unsere Zeitung ist kostenlos – für alle, bedingungslos. Wer lesen will, liest. Keine Paywall, keine Abonnementpflicht. Finanziert werden wir durch Spenden, Werbeanzeigen und Sponsorings. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist ein Versprechen an unsere Leserinnen und Leser – und ein Risiko, das wir bewusst eingehen.

Schützt der gemeinnützige Status vor Druck von außen?

Vor politischem Druck ja. Vor wirtschaftlichem nicht. Die Gehälter unserer Teams in Flensburg und Aachen und die Produktion müssen bezahlt werden. Der Unterschied ist: Wir verkaufen uns nicht, um diese Kosten zu decken. Wir bitten stattdessen um Unterstützung – offen, transparent, direkt. Und wir sind darauf angewiesen, dass diese Bitte gehört wird.

Wie wichtig sind Lokalzeitungen für die Demokratie – wirklich?

Stellen Sie sich vor, in Ihrer Stadt gibt es nur noch eine einzige Zeitung. Oder gar keine mehr. Das ist keine Dystopie – das ist die Realität in weiten Teilen Deutschlands. Die Studie „Wüstenradar” zeigt: In der Hälfte aller deutschen Kreise und kreisfreien Städte gibt es nur noch eine oder gar keine unabhängige Lokalzeitung. Gemeint sind damit keine Anzeigenblätter, die zu 80 Prozent aus Werbung bestehen – sondern echte, unabhängige Redaktionen, die berichten, nachfragen, unbequem sind.

Wenn diese verschwinden, verschwindet mit ihnen etwas Entscheidendes: die Möglichkeit, lokale Macht zu kontrollieren. Bauprojekte, die niemand will. Entscheidungen im Stadtrat, die niemand erklärt. Missstände, die niemand benennt. Ohne Lokalzeitung bleibt das alles im Dunkeln.

Unser Alltag findet lokal statt. Nicht in Berlin, nicht in Brüssel – hier, bei uns. Deshalb ist die Lokalzeitung keine Randerscheinung der Demokratie. Sie ist ihr Herzschlag.

Deutschland ist gespalten, das Vertrauen in Institutionen schwindet. Was kann Journalismus da noch ausrichten?

Misstrauen entsteht im Vakuum. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass niemand für sie spricht, dass ihre Sorgen nicht gehört werden – dann füllen andere dieses Vakuum. Und nicht immer mit guten Absichten.

Ich schaue mir an, wie manche Zeitungen arbeiten: mit Schlagzeilen, die gezielt empören, die Dopaminreflexe bedienen, Wut schüren – weil Wut verkauft. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was Journalismus leisten sollte. Jede Journalistin, jeder Journalist muss sich fragen: Welchen Beitrag leiste ich für das Gemeinwohl? Heize ich an – oder kläre ich auf?

Wir haben uns entschieden, aufzuklären. Auch wenn das weniger laut ist. Auch wenn das schwieriger zu finanzieren ist.

Das Erstarken der AfD – wie ordnest Du das ein?

Es ist ein Warnsignal, das ernst genommen werden muss. Nicht, weil demokratiefeindliche Positionen irgendwie berechtigt wären – sie sind es nicht –, und das Erstarken solcher Parteien gefährdet unsere freiheitliche Gesellschaft ernsthaft. Aber das Signal dahinter darf nicht ignoriert werden: Viele Menschen fühlen sich von der Politik nicht gehört, nicht vertreten, nicht ernst genommen.

Die Antwort darauf kann nicht sein, die Demokratie abzuschaffen. Die Antwort muss sein, sie besser zu machen. Lokale Medien sind dabei kein Luxus – sie sind Werkzeug. Sie geben Menschen eine Stimme. Sie zeigen, dass ihre Probleme real sind und dass es Menschen gibt, die hinschauen.

Was motiviert Dich persönlich, weiterzumachen?

Was ich jeden Tag erlebe: Menschen wollen nicht mehr nur konsumieren. Sie wollen mitgestalten. Leserbriefe, Kooperationen mit Vereinen, Schulpraktika – junge Menschen, die zum ersten Mal eine eigene Geschichte schreiben und merken, dass ihre Sicht auf die Dinge zählt. Das ist der Moment, in dem ich weiß, warum wir das tun.

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Jetzt sind Sie dran

Der Wirklich Verlag hat sich entschieden, gemeinnützig zu sein. Das bedeutet: keine versteckten Interessen, keine Renditeerwartungen, keine Hintertüren. Aber es bedeutet auch: Ohne Sie geht es nicht.

Was Sie tun können – und was wirklich hilft:

Spenden. Jeder Betrag zählt. Direkt, transparent, zweckgebunden für unabhängigen Lokaljournalismus.

Schreiben. Schicken Sie uns Ihren Leserbrief. Widersprechen Sie uns. Ergänzen Sie uns. Demokratie braucht Streit – den guten, den sachlichen, den konstruktiven.

Empfehlen. Kennen Sie jemanden, dem diese Zeitung fehlt, ohne dass er es weiß? Dann schicken Sie ihn zu uns. Das ePaper kommt jeden Freitag – kostenlos, nach einer kurzen Mail an info@wirklichverlag.de mit dem Stichwort „Ja, ich will”.

Inserieren. Wenn Sie ein Unternehmen führen oder eines kennen, das lokale Sichtbarkeit sucht: Eine Anzeige im Wirklich Verlag ist keine Ausgabe. Es ist ein Bekenntnis.

Die nächste Printausgabe erscheint am 24. April – kostenlos im Stadtgebiet Flensburg und im Kreis Schleswig-Flensburg.

Lokaljournalismus stirbt nicht an einem großen Knall. Er stirbt leise, Redaktion für Redaktion, wenn niemand hinschaut. Schauen Sie hin.